Mittwoch, 11. November 2015
Ich bin kein Gutmensch
Gestern war es dann so weit:
Meine Familie ist in unser Rathaus gepilgert, um den Stadtverordneten zuzuhören, die erklären wollten, wie das zusammenleben mit den Flüchtlingen, die nun alsbald die Turnhalle neben unseren Schulzentren beziehen, geregelt werden soll.
Ich darf zugeben, dass das Thema Flüchtlinge ein heißdiskutiertes Thema unter uns ist.
Ich habe in der Vergangenheit sehr gute Erfahrungen mit Angehörigen anderer Kulturen gemacht. Ich unterhalte Brieffreundschaften seit Jahrzehnten bis nach Taiwan, in meinen Trainingsgruppen waren und sind Angehöriger der verschiedensten Herkünfte.
Und Ich finde das wunderbar. Warum auch nicht? Wie armseelig wäre unser kulturelles Leben, wenn wir die Einflüsse nicht hätten?
Fangen wir beim Essen an, wer könnte sich die deutsche Gastronomie noch ohne Pizza, Pasta, Döner, Curry, gebratene Nudeln oder oder oder vorstellen?
Das globale Miteinander hat uns reicher gemacht.
Sonst gäbe es nur Steckrübensuppe.
Haha!

Erst als ich den vorletzten Satz geschrieben habe, ist mir die wunderbare Doppeldeutigkeit aufgegangen.
Das globale Miteinander hat uns reicher gemacht.
Der Gutmensch denkt an kulturelle Erweiterungen, neue Gesichtspunkte und Möglichkeiten für exotische Erfahrungen.
Ich - als notorisch böse Seele - komme dabei auch auf wirtschaftliche Ausnutzung, Plünderung der Resourcen ...
Kein Wunder, dass wir vor allen Schwankungen der chinesischen Wirtschaft zittern:
In den letzten Jahrzehnten war China so bequem, denn es hat uns neben so wundervollen Dingen wie Kung Fu, Taijiquan, Feng Shui und gebratene Ente auch ein Milliardenheer billiger Lohnsklaven geliefert, die uns den Konsum billig und schön geliefert haben - ohne dass wir Industriestaatler uns als Kolonialherren ein schlechtes Gewissen machen mußten. Wir haben das ja nicht angestellt sondern die chinesische Regierung selbst.
Jetzt operiert die Wirtschaft in China beinahe so wie unsere im Westen - und ZACK ist unser geliebtes Gleichgewicht, sprich auf unserer Seite übergewichtetes Ungleichgewicht in Gefahr.
Und alle haben Angst vor ...

China, IS, Russland, ... und Flüchtlinge.
Und Angst ist das bestimmende Thema.
Es ist eigentlich jedem klar, mit den Flüchtlingen kommen Menschen, die Angst haben.
Flüchtlinge stehen unter Spannung. Und diese entlädt sich, wenn sie in Massen zusammengepfercht sind und nichts zu tun haben - außer Angst zu haben, was weiter mit ihnen passiert.
Und sie kommen hier in ein Land, das auch schon Angst hat. Vor ihnen, vor dem Rest der Welt, vor allem vor der Veränderung.
Über Angst muß man also sprechen dürfen.

Helfen, Teilen, all das sind noble Tugenden - und jede Weltreligion hat das als zentralen Punkt für das Zusammenleben in ihrer Weltanschauung auch erkannt und eingebunden.
Aber das wird stets individuell betrachtet, also einer hilft einem einzelnen. Steht ein einzelner einer Menge gegenüber - hat er Angst.
Und Angst hilft nicht beim helfen wollen.
Wenn nun eine solche Situation eintritt und Hilfe und Unterstützung gefordert ist, dann ist es notwendig, sich auch mit der Angst derer zu beschäftigen, die helfen sollen.
Ich glaube nicht, dass es eine Sünde ist und man dafür in irgendeine Art Hölle kommt, wenn man diese Einsicht hat und sagt, darüber sollte man offen sprechen.

Tja, habe ich falsch gedacht, äh, geglaubt.
In der Versammlung, die ich oben ansprach, haben all die Gutmenschen den Ton angegeben. Und durch entsprechende Reaktion jede kritische Frage, die geeignet gewesen wäre, auch mal über die Angst zu sprechen, unterdrückt.
Man kommt offenbar doch in die Hölle, wenn man über die eigenen Ängste sprechen will. Und die Hölle ist kein ferner Ort, sie ist unter uns.
Wer kritisch fragen will, muß damit rechnen, aus der Gemeinschaft der Gutmenschen ausgeschlossen zu werden.
Und das ist jetzt etwas, vor dem ich wirklich Angst habe:
Wohin sollen sich Menschen mit ihrer Angst wenden?
Wenn die, mit denen man eigentlich Gemeinsamkeiten haben möchte, sich da abwenden - dann bleiben eben nur die anderen Kritiker ,..
Und schon beginnt die eigene Talfahrt in Richtung von Gesinnungen, mit denen man eigentlich nichts zu tun haben möchte:
Denn Pegida, AfD etc. haben sich genau darauf spezialisiert, diese Angst aufzunehmen, mit der eigenen Argumentation zu unterstützen ... unddiese Art Frontenbildung ist wirklich ein Grund, Angst zu haben.
Nicht Angst um unseren Luxus, um Überschüsse, um fremde Einflüsse ... Sondern Angst um etwas wirklich Wichtiges: Unser friedliches Zusammenleben.

Darum die Bitte an die Gutmenschen da draussen:
Sprecht bitte mit über Ängste ... Damit wir wieder gemeinsam uns den wichtigen Nöten des Helfens zuwenden können.
Es können nicht nur "gute Facharbeiter" unter den Flüchtlingen sein, die man so gerne schönredet. Schließlich sind wir doch auch nicht alle "Gutmenschen".
Also muß man doch ganz sachlich über die Probleme sprechen.
Sonst ist die Reaktion derer, die Angst haben: Wenn man unsere Ängste nicht wahrnimmt, dann fordern wir eben, dass nichts mehr ins Land kommt, was uns Angst macht.

Und dann verlieren wir wirklich all das positive, was mit dem interkulturellen Austausch zu uns kommen kann.



Donnerstag, 3. September 2015
Flüchtlinge - oder der Fluch des Luxus
Bedingt durch Arbeit habe ich lange Zeit nicht schreiben können ... nun aber habe ich das Bedürfnis, mich zum Thema der Flüchtlinge auch mal zu äußern.
Unter Freunden und Verwandten wird das Thema sehr kontrovers diskutiert, denn genauso wie die Flüchtlinge sich ganz offensichtlich von ihren eigenen Staaten allein gelassen fühlen, so fühlen sich viele von der eigenen Regierung/ Politik gegenüber der nicht fassbaren Welle der Flüchtlinge alleingelassen.
Und das produziert - mitunter bizarre, oft aber nicht unberechtigte - Sorgen/ Ängste, welche Folgen sich wohl aus der Flüchtlingssituation ergeben kann.

Natürlich gibt es ein Lager, das die deutsche Vergangenheit beschwört und daraus (sehr berechtigt) eine moralisch/ menschliche Verpflichtung zur Hilfe ableitet.
Ich finde es schade, dass für eine Bekenntnis zur Hilfe überhaupt die Vergangenheit bemüht werden muss ... aber aus nihilistischer Sicht sage ich da mal: Wenns scheeeh, macht, dann eben mit dem moralisch-historischen Knüppel.

Nur fühlen sich (auch nicht unberechtigt) viele von dem historischen Argument böse erwischt, denn schließlich sagen die allermeisten aufgrund der Gnade der späten Geburt, dass sie nun für die NS-Greuel nicht verwantwortlich sind.
OK ... aber wer ist verantwortlich für Neo-NS-Greuel?
Ich will da keine Schuld zuweisen, ich habe nur ein Gefühl, nämlich, dass aus Ängsten heraus alte Fehler und Missetaten wiederholt werden. Und ZACK muss man auch auf die Vergangenheit verweisen, um klar zu machen: Heh!!! Ihr tut es schon wieder.

Und natürlich ist der einzelne Flüchtling an und für sich nicht "schuld".
Oder kann jemand dem ertrunkenen syrischen Jungen eine Schuld an dem Bürgerkrieg zuweisen, vor dem seine Familie geflohen ist?
http://www.independent.co.uk/news/world/europe/if-these-extraordinarily-powerful-images-of-a-dead-syrian-child-washed-up-on-a-beach-dont-change-europes-attitude-to-refugees-what-will-10482757.html
Oder ist es der Familie vorzuwerfen, dass sie der Gewalt, Schmerzen, Verlust durch Flucht entgehen wollte? Wohl nicht.
Um ein biblisches Zitat zu bemühen: Sind das da nicht die Sanftmütigen?
Und sind wir nicht aufgerufen, die Sanftmütigen zu schützen?
Wofür stehen die Werte unseres gefeierten Abendlands?

Es ist natürlich immer eine sehr subjektive Betrachtung, wer da Flüchtling ist und warum ...
Fakt ist, dass jeder davon Mühen und Gefahren auf sich genommen hat, um zu fliehen.

Man möchte sich gerne vorstellen, dass also dort "zuHause" größeres Leid herrscht, dass sozusagen die Mühen der Flucht aufwiegt ... denn das würde aus den Fliehenden immer Leute machen, die man verstehen kann.
Aber so einfach ist es nicht ...
Es wird gerne darauf verwiesen, dass die meisten Fliehenden EIGENTLICH aus wirtschaftlichen Gründen ausgezogen sind.
Da kommen Statistiken ins Spiel, die, sollte man ihnen glauben wollen, nur dann korrekt sein können, wenn die Erfassung der Daten korrekt ist.
Das braucht Zeit. Aber genau die Zeit zur korrekten Aufarbeitung der Asylgründe ist etwas, was die Flüchtlingsgegner aufgehoben sehen möchten:
Wie kann es sein, dass Deutschland 5 Wochen zu einem Asylbescheid braucht, wenn die Schweizer nur ca. 50 Stunden benötigen?
Ich denke, hier wäre eine qualitative Bewertung wichtig, ob die Entscheidungen nicht nur nach Menge der Ausweisungen oder der Zeitdauer der Entscheidungsfindungen als "effizient" sondern auch an der Entscheidung gemessen als "korrekt" empfunden wird.

Wenn jemand seine Sachen packt, weil er sich in der Ferne eine bessere Zukunft wünscht - nun, dann ist er aus meiner Sicht kein Flüchtling, sondern ein Auswanderer. Und eine normale Steuerung der Zuwanderung ist da legitim, der unterliegen wir selbst gegenüber anderen Staaten ja genauso.
Und wenn sich da jemand Mühe gibt, mit Jobsuche, Unterkunft, etc. hier ein Mitglied der Gesellschaft werden zu wollen - klar, warum nicht, nur herein. Laßt mich nur nicht mit den Deutschen alleine ...
Aber die Befürchtung der Geängstigten ist ja, dass mit den "Fremden" nicht nur die postulierten Gutmenschen zuwandern, fliehen oder dergleichen.
Nicht jeder Bürgerkriegsflüchtling ist zwangsläufig der arme Schuster mit Familie, der aus seiner ausgebombten Werkstatt vor dem IS nach Westen flieht ... Natürlich sind auch Menschen darunter, die aus anderen Gründen fliehen, die nicht so edel sind.
Es sind komplette Querschnitte der Gesellschaften, die da über die Trümmer gekrochen kommen ... mit allen negativen Elementen, fliehenden Verbrechern, Schmarotzern, etc ..., was man sich so vorstellen kann.

Und jeden, der sagt, das will ich nicht, dass so jemand einfach die Flucht wirklich Bedürftiger mißbraucht, kann ich gut verstehen ...
Aber: Was ist mit dem Unrecht, dass dem aus unserer Luxusposition als "berechtigt" Fliehenden geschieht, weil die moralisch so gerechtfertigte Hilfe ihm NICHT gewährt wird, weil sein Nachbar möglicherweise in der alten Heimat sich etwas hat zuschulden kommen lassen.
Es ist dasselbe wie mit der Angst vor "terroristischen Maulwürfen" unter den Mengen, die über die Grenzen kommen ...
Denn schließlich ist ja prinzipiell keinem pauschal zu trauen, denn all die, die jetzt z.B. für den IS kämpfen sind ja auch irgendwann einmal "unverdächtig" gewesen - oder?
Oder werden "Täter" als solche geboren? In Nationalitäten oder Ethnien etwa?

Das ist eine ganz bittere Vorstellung. Oder kommt einem das nicht plötzlich ganz furchtbar bekannt vor?
Eine Gesellschaft, ein Land, dass sich einer fanatischen Ideologie verschreibt, alle Andersdenkenden zu bedrängen und zu töten beginnt und Krieg in alle Nachbarländer trägt ...
Kommt diese Konstellation in der deutschen Geschichte nicht genauso vor? Und ist das Mißtrauen, dass die Deutschen zu moralischem Verhalten gerade wegen der Vergangenheit anhält, nicht genau dasselbe?
Wenn die Deutschen damals nach dem Krieg kollektiv nicht wirklich schuld waren ... und wir als Nachkommen nicht schuld sind ... warum (im Umkehrschluss) soll es dann zulässig sein, pauschal die "Flüchtlinge" und Hilfesuchenden vorab zu verurteilen.
Es ist die Frage, wieviele weisse Schafe darf man dem Massaker freigeben, nur weil sich ein schwarzes darunter befinden könnte?

Aber wie oben schon beschreiben, erscheint immer die Geschichte heranzuziehen, der neuen Generation der Deutschen nicht ganz fair.

Aber je länger ich darüber nachdenke, umso mehr wende ich mich doch der Geschichte zu. Nicht dem zweiten Weltkrieg und der Schuld der Deutschen, sondern dem "Danach".
Nach dem Krieg waren die ganzen Vertriebenen hier, entwurzelt ... und ganz Deutschland zerbombt.
Unmittelbar nach dem Krieg, wen wundert es da, dass die umgebenden Nationen in jedem Deutschen einen Verbrecher sah? Oder auch nur sehen konnte, wenn man gewollt hätte ...

Statt dessen bekamen wir den Marschall-Plan ... Ohne den es keinen Wiederaufbau West gegeben hätte ...
Natürlich ist das nicht "selbstlos", wie die Amerikaner es gerne geschichtlich hinstellen ... sondern (auch) aus Angst davor, auch Westdeutschland könnte dem Kommunismus in die Hände fallen.

Wohin führt mich der Gedanke?

Ich finde, dass die Meinungsmache (egal ob "Agitatoren" oder eine gesteuerte Medienlandschaft oder andere Verschwörungstheorien) gegen die Flüchtlinge, also im Grunde die Medienöffentlichkeit (wo auch immer man die Grenze zwischen Medien und Öffentlichkeit ziehen möchte) in den Flüchtlingen den "Falschen" zum Schuldigen erklärt ...

Es ist klar, dass man nicht ganze Nationen als Flüchtlinge beherbergen kann ... wobei wir unsererseits schon auf sehr hohem Niveau jammern in Hinsicht auf den durchschnittlichen Luxus, in dem wir leben ... Es muss Ziel der Politik sein, die Situation in den Herkunftsländern so zu stabilisieren, dass die Leute von dort nicht mehr fliehen ...
Das hat die USA mit dem Marschall-Plan hier bei uns getan, denn sonst hätte es eine Fluchtwelle Deutscher ins umliegende Europa gegeben ... statt dessen hat die USA in Deutschland einen NATO-Bündnispartner herangezogen (ob gut oder schlecht, ist sicher noch eine ganz eigene Fragestellung).

Der Schluss daraus ist eine Betrachtung menschlicher Natur.
Es gibt den Spruch: Zivilisation ist nur 3 Tage ohne Nahrung von der Barbarei entfernt. Da ist etwas wahres dran, wobei die meisten Flüchtlinge da einiges mehr friedlich erdulden als das ... wenn Du Dir ansiehst, wieviele Flüchtlinge es in Zahlen sind ... dann steht dort praktisch eine Völkerschaft, die radikalisiert eine ziemlich grosse Armee darstellen würde. Sicherheitskräfte sind da zwangsläufig IMMER in der Minderheit ... und Hunger ist der beste Nährboden für jede radikale Tendenz. Wenn man sich ansieht, wie die militärische Präsenz im Mittelmeer aufgestockt wird, die Bundesmarine jetzt den Antrag auf ein Bundestagsmandat für bewaffneten Einsatz stellt ... dann sieht man, das das kein Paranoia von mir ist. Ungarn verrammelt seine Grenzen ... würde es aber einen entsprechenden gewalttätigen Sturm geben, blieb nur der Einsatz von Flächendeckenden Waffen ... sonst wäre derzeit jedes nationale Militär in der Unterzahl ...
Es wird (berechtigt) diskutiert, was jeder Flüchtling uns kostet.

Ich finde auch, dass man sich anschauen muss, wer da geflohen kommt ... und ob reine Wirtschaftsflucht (berechtigt oder nicht) mit politischem Asyl im selben Antragsweg bearbeitet werden muss ... da genau habe ich meine Bedenken, wer seine wirtschaftliche Situation verbessern will, ist ein Auswanderer wie alle anderen Auswanderer auch und sollte da entsprechenden Auflagen unterliegen, wie sie in den meisten Ländern gelten.

Das politische Asyl muß ein Sonderstatus sein ... und nicht das Allheilmittel, das sich den Flüchtlingen im Moment zeigt ...

Aber wir müssen genau betrachten, was es uns kosten könnte, wenn wir die Flüchtlinge NICHT aufnehmen.

Das ist ein wichtiger Gedanke:
Wieviele der Männer unter den Flüchtlingen werden sich vielleicht dem IS etc. anschließen, nicht weil sie unbedingt fanatische Islamisten sind, sondern, weil der IS bei allem Terror Nahrung und "Ordnung" verspricht ... Indem wir Flüchtlinge ablehnen, füllen wir unbewußt die militärischen Reserven des wirklich schuldigen auf ... Und das ist eine Rechnung, die ich nirgendwo in der Diksussion um Kosten aktuell sehe.
Und das ist nicht unrealistisch, auch gerade das zeigt Geschichte ... zu sehen vielleicht z.B. an den Indianerkriegen (um vom europäischen Feld wegzugehen), die Geschichte der Cheyenne nach dem Massaker am Sand Creek oder die Geschichte Jeronimos und der Chircuaha ...

Das ist für mich auch die Frage, wer ist der IS? Die meisten sind ja nicht verwöhnte Westkinder, die sich mißverstanden fühlen und in einen Islamismus verfallen, den sie garnicht verstehen ... die Masse sind Leute aus Ländern mit 20 Jahren (Irak), 40 Jahren (Afghanistan), 60 Jahren (Syrien, Jordanien), 80 Jahren (Palästina) andauerndem Bürgerkrieg ... also schon mehrere Generationen kriegsgeschädigte Seelen. Ist es für die wichtig, wogegen sie den nächsten Krieg führen? Der, der an der Front Krieg führt, ist der, der aus deren Sicht Brot für seine direkte Sippe erkämpft. Ob die alle für einen Kalifen kämpfen oder eher für eine Vorstellung davon, irgendwann selbstbestimmt in einer eigenen (wie auch immer bizarren) Ordnung leben zu können, stelle ich mal in Frage, denn schließlich wechseln diese Kämpfer von Mudschaheddin, Al-Kaida, IS, etc ... und das trotz unterschiedlicher Ziele der Organisationen ...

Ich weiss, dass ich das Thema da oft strapaziere ...
ABER: Wer hat die Situation im nahen Osten verbockt?
Letztendlich die amerikanische/ westliche/ kapitalistische Großmacht-Politik ...
Und die ganze Flüchtlingskiste ist eine direkte Folge der Destabilisierung, die die USA an den Golf-Anrainern mit den Kriegen erzeugt hat ...
Und jetzt gucke man einmal, wer sich ganz bequem zurücklehnt und sich da KOMPLETT raushält: Die USA.
Nicht dass ich bei jeder Katastrophe die USA am Steuer sehen will ... oder als führende Nation im Hilfeleisten ... sicher nicht.
Aber die Ansicht, die Flüchtlinge seien ein europäisches Problem, oder wie vom ungarischen Präsidenten jetzt geäußert, gar ein Deutsches Problem, da die Flüchtlinge am Liebsten nach Deutschland fliehen möchten ... das ist doch eine bizarre Haltung.
Erst die Welt in Brand setzen und dann einen möglichen Teich, wohin die Verbrennenden fliehen, verantwortlich für die Flucht machen?

Für den amerikanischen Handel ist die Flüchtlingswelle ein Geschenk ... Nicht nur dass der Euro durch die innereuropäischen Eskapaden bröckelt, jetzt kommen noch die Flüchtlinge ... und die Industrienationen, die für den amerikanischen Handel gefährlich sind, geraten unter Druck ... wunderbar.

Ich überlege, wenn ganz konkret mir, uns hier wieder solche Katastrophen geschehen würden, an denen wir selbst nicht schuld sind (z.B. Mißbrauch von Daten, weil wir allzu leichtfertig den Forderungen der Konservativen nach Überwachung nachgegeben haben ... auch so ein NS-belastetes Thema) ...
Wer würde, wer könnte uns helfen?
Was passiert, wenn der IS oder eine andere Nachfolgeorganisation entschließt, in Deutschland zu kämpfen?
Ist das die Schuld der Flüchtlinge? Wo muss man da ansetzen?

Das geht nur, indem die Herkunftsländer wieder lebenswerte Umstände bieten ... und das geht nur mit Versorgung und einer fairen Behandlung als souveräne Staaten ...
Und das kostet wieder Geld ... aus meiner Sicht eine weltweite Aufgabe, nicht dass einzelner Staaten ... z.B. eine UNO Aufgabe.
Aber die UNO wird ja immer mehr in ein reines Schattendasein gedrängt ...

Und das ist vielleicht die größte Katastrophe.



Dienstag, 23. Juni 2015
Der Wolf im Menschen
Wölfe sind familienorientiert, fürsorglich, mitunter verspielt zu ihrem Nachwuchs, schlau und ... bescheiden im Ausmaß ihrer Jagd. Insofern paßt das Symbolbild "Wolf" für die Gewalt im Menschen nicht. Vielleicht wäre es richtiger, vom Menschen im Wolf zu sprechen, wenn man die notwendige Gewalt bei der Jagd beschreiben will ...

Gerade sind die Getöse dieser Woche verhalt: Der unsägliche Angriff auf eine Kirche in South Carolina, der Angriff der Taliban in Kabul ... Der Kampf der IS geht weiter, die westlichen Streitkräfte (um nicht immer nur auf den USA herumzuhacken) schlagen zurück ... Manchmal frage ich mich, wie sich wohl der zweite Weltkrieg in den Kriegsjahren 40-43 in Deutschland angehört haben, war das auch so? Nachrichten von fernen Schlachten, beziehungslos in täglichen Sendungen dargestellt oder zu lesen?

Ist es vielleicht so, sind wir bereits im dritten Weltkrieg - nur sind die Kanonen noch so fern, dass wir sie nur in den Nachrichten hören?
Nicht nur. Auch in deutschen Vorstädten kommt dieses Grollen näher. Die einen suchen Terroristen in jedem Vorfall, der sich ereignet. Wen wundert's, die Presse treibt (und hetzt) genau zu diesem Gedankenbild ... andererseits erscheint es in der Tat auf der Straße wieder mehr Gewalt zu geben ... ob Terror oder nicht, Gewalt bleibt Gewalt.

Und dann taucht dieselbe Diskussion immer wieder auf, in den Medien, dem Kollegenkreis, der Familie:
Wie reagiert man darauf? Klar, Sicherheitsunternehmen aller Art haben Hochsaison. Es gibt kein unsinniges Konzept, dass es nicht gibt. Es wird mit Psychologie gearbeitet, die fraglich ist, ob sie einen Täter wirklich interessiert, bis hin zu Forderungen härtester Gewalt.
Und natürlich die Diskussion über Waffen.

Gerade jetzt in den USA wird wieder darüber diskutiert. Ohne Waffen hätte es die Tat in South Carolina nicht gegeben - sagen die einen.
Die Waffen tragen nicht die Schuld, sagen die anderen.
Letzteres stimmt. Legt man eine Pistole auf den Boden und berührt sie nicht, richtet sie keinen Schaden an. Sie kann nicht Schuld an etwas sein, denn um Schuld tragen zu können, muss das Etwas ein Subjekt sein - "Sein" haben.
Trotzdem ist die gegenläufige Argumentation nicht von der Hand zu weisen:
Die Schusswaffe ist der große Gleichmacher der letzten Jahrhunderte. Egal, wie muskulös, schnell und stark ein Angreifer ist, eine Feuerwaffe kann ihn auf sichere Distanz töten.
Das 20. und 21. Jahrhundert wird nicht bestimmt von der Feuerwaffe, sondern von der automatischen Feuerwaffe. Und hier sieht es noch ganz anders aus: Ein Schütze ist nicht nur einem anderen gewachsen, sondern gleich mehreren.
Oder bei Sprengstoffattentaten sogar vielen anderen.

Die Waffenentwicklung hat den eigentlichen Kampf immer mehr in den geistigen Bereich verschoben. Entscheidend ist, wer wann was abdrückt.
Und im Geist regiert die Angst. Wer hat Angst vor was und ist bereit, welche Waffe dazu einzusetzen, um mit dieser Angst umzugehen.
Klar - Terroristen leben von der Angst anderer und behaupten, sie selbst hätten keine, denn sie seien ja bereit, für ihre Sache zu sterben. Angst haben sie aber doch: Dass ihre Sache scheitern könnte.
Angst steht hinter allem.

Sollen also Menschen, die von sich behaupten, sich verteidigen zu wollen, Zugang zu Waffen haben oder nicht?
Auch der Wunsch, sich zu verteidigen, ist mit Angst verbunden. Angst, zu verlieren, unterlegen zu sein, besiegt zu werden.
Und Angst führt zu den Entscheidungen, wie welche Waffen eingesetzt werden.

Angst, so sagte mir einmal meine frühere Kampfkunstlehrerin, ist ein schlechter Berater.
Weiß ich nicht - für mich ist Angst in meiner Erfahrung immer das gewesen, was mich wach und aufmerksam hat sein lassen.
Darin war ich gut beraten. Aber Angst darf meine Entscheidungen nicht festlegen und bestimmen.

Ganz klar - ich befürworte das Recht, mich verteidigen zu dürfen. Und ich befürworte es, mich auf so einen Fall vorzubereiten: Sprich: zu trainieren, fit zu halten, Wahrnehmung und Aufmerksamkeit zu konditionieren.
Aber Anschläge, gerade wie der in South Carolina, machen mich sehr nachdenklich. Ich kann mich nicht auf jeden erdenklichen Ernstfall vorbereiten, ohne in einer bodenlosen Paranoia zu ersticken. Gerade in dieser Erkenntnis fußt die Wirkung des Terrors.
Was aber darf man tun? Ab wann ist Prävention bereits selber Unheil? Präventivschläge (die rechtstaatlich und völkerrechtlich eigentlich verboten sind und doch derweil täglich von unseren westlichen Rechtsstaaten durchgeführt werden) sind selbst Terror.
Und die Argumentation der "Falken" ist ja, dass das das einzige Mittel sei, um der Schlange (des Terrors) den Kopf abzuschlagen.
Kann man einem Zivilisten vorwerfen, dass er sich bewaffnet und die Waffen gegen (für ihn reale oder eingebildete) Feinde richtet - wenn es sein Staat seit Jahren gegen jedes Recht es beständig tut?

Ich kann die Frage nicht beantworten - und ich beobachte an mir selbst jeden Tag, dass sich mein eigenes Verhalten in der Trainingsvorbereitung mitunter nicht mit meinen moralischen Grundsätzen übereinbringen lässt - wenn es denn irgendwie effektiv sein soll.
Aber hier ist meine Angst:
Wenn die Staaten sich untereinander nicht an Recht halten, wann wird das Recht schließlich auch zwischen den Einwohnern der Staaten überflüssig?
Und wenn das der Fall ist - wer vertritt dann die Selbstverteidigung? Nur ich alleine?
Muss ich mich auf die Anarchie auch vorbereiten?
Davor habe ich Angst. Und sehe, dass dieses Paranoia Garnichts für die Lösung des Problems tut, sondern es nur verschlimmert.
Das ist sicher ein Problem, das der Wolf nicht hat.